
Wer alte Smartphones vor der Elektroschrott-Deponie retten möchte, landet schnell bei postmarketOS – einem echten, schlanken Linux-System für mobile Hardware. Doch wie viel Energie verbraucht ein solches System im Alltag, wenn kein aufgeblähtes Android im Hintergrund funkt? Ich habe den Praxistest auf meinem Xiaomi Mi A2 Lite gemacht und den Verbrauch über ein selbstgebautes Docker-Webinterface in Echtzeit gemessen.
Das Ergebnis ist absolut verblüffend.
Der Idle-Verbrauch: Ein absolutes Sparwunder
Im Leerlauf (Idle), bei eingeschaltetem, aber gedimmtem Bildschirm und aktiver WLAN-Verbindung, pendelte sich die Messung bei gerade einmal 0,6584 Watt ein.
Um diese Zahl greifbar zu machen, blicken wir auf die Laufzeit. Das Xiaomi Mi A2 Lite besitzt einen Akku mit einer Kapazität von rund 4.000 mAh. Bei einer durchschnittlichen Zellspannung von 3,85 Volt entspricht das einer gespeicherten Energie von knapp 15,4 Wattstunden (Wh).
Rechnen wir das mathematisch auf die Praxis um:
- Dauerbetrieb mit eingeschaltetem Display: Das Smartphone könnte theoretisch über 23 Stunden am Stück im Idle-Zustand laufen, bevor der Akku schlappmacht.
- Vergleich zu klassischen Servern: Ein typischer Raspberry Pi 4 genehmigt sich im Idle oft schon zwischen 2,5 und 3,5 Watt – und das ohne Display! Das alte Smartphone schlägt den Mini-PC in Sachen Effizienz im Grundzustand also um Längen.
Der Stresstest und die „1700-Watt-Explosion“
Spannend wurde es, als ich die acht Kerne des verbauten Snapdragon 625 Prozessors über ein automatisiertes Shellskript zu genau 50 % auslasten wollte. Im Docker-Webinterface schoss die Verbrauchslinie schlagartig nach oben und quittierte den Dienst plötzlich mit einem utopischen Wert: 1.707,84 Watt!
Keine Sorge, das Telefon ist nicht explodiert. Was war passiert? Unter plötzlicher Volllast bricht die Spannung am Akku für wenige Millisekunden minimal ein. Dieser rapide Wechsel überforderte den Qualcomm-Akkutreiber im Linux-Kernel. Statt des echten Stromwerts lieferte die Kernelschnittstelle (current_now) kurzzeitig eine astronomisch hohe Zahl im Milliardenbereich – ein klassischer Vorzeichen-Überlauf (Integer Overflow). Das Skript multiplizierte diesen Wert stur mit der Spannung, was zu einer theoretischen Leistung führte, die sonst eher eine Mikrowelle oder ein Wasserkocher benötigt.
Nachdem der Prozess gekillt und ein mathematischer Sicherheits-Filter im Mess-Skript integriert wurde, pendelte sich der reale Verbrauch unter Last bei realistischen 1,5 bis 2,2 Watt ein.
Fazit: Das perfekte Device für autarke Mini-Server?
Das Experiment zeigt eindrucksvoll, wie effizient Linux auf ARM-Architekturen arbeitet. Wenn man bedenkt, dass das Smartphone zeitgleich:
- Den postmarketOS-Kernel betreibt,
- Einen Docker-Container mit einem Nginx-Webserver hostet,
- Im Sekundentakt Hardwaredaten abfragt, berechnet und via JSON bereitstellt,
…dann sind 0,65 Watt ein phänomenales Ergebnis. Durch den integrierten Akku bringt das Smartphone zudem seine eigene, unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) direkt mit. Wer einen extrem sparsamen, autarken Heimserver oder ein lokales Dashboard für Smarthome-Daten sucht, findet in alten Smartphones und postmarketOS eine genial nachhaltige Lösung.
